Adler unter Hühnern

— Autor: Ellen Hermens

Oder: die Moral von der Geschicht

Kennen Sie die Geschichte, in der ein Adler wie ein Huhn aufgezogen wird und sich auch so verhält? Er fliegt nicht. Er scharrt am Boden und benimmt sich rundum wie ein Huhn. Erst als ihn jemand weit weg zu einem Berg bringt und er in die Sonne blickt beginnt er zu fliegen und sich wie ein Adler als König der Lüfte zu fühlen und zu verhalten.

Fliegender Adler

Image: Jeff Ratcliff / FreeDigitalPhotos.net

Die Geschichte ist eine schöne Geschichte, wenn wir jemanden coachen, um ihm das Selbstbewusstsein eines Adlers zu geben. Nur: Sind Sie ein Adler oder doch ein Huhn? Schauen wir doch mal genauer hin…

Implikationen des Bildes – oder: Das Ungesagte

Wenn wir uns die Geschichte genauer anschauen, dann ist eine der Voraussetzungen, die gesetzt werden: Menschen sind genauso – Hühner oder Adler. Wenn ich das weiterspinne, dann bedeutet das, dass einige Menschen eben zu höherem berufen oder bestimmt sind – eben fliegen können. Während andere, die meisten „nur“ Hühner sind und selbst wenn sie noch so viel üben und probieren, werden sie niemals fliegen können.

Das bedeutet doch auch, dass es nur wenigen Menschen vergönnt ist überhaupt zu fliegen und die meisten dazu bestimmt, am Boden zu scharren – denn es gibt viel mehr Hühner als Adler. Selbst wenn wir nicht die üblichen Assoziationen betrachten, in denen für die meisten Menschen Fliegen etwas Hervorragendes ist und Scharren und Nicht-Fliegen eben etwas für das „Fußvolk“. Selbst dann ist diese Metapher doch diskriminierend.

Woher weiß ich denn, ob ich ein Huhn bin, das nur verzweifelt versucht ein Adler zu sein oder wirklich ein Adler? Ich finde diese Metapher grausam. Nebenbei mit den Assoziationen werden auch Wertigkeiten vergeben – wenn ich ein Adler unter Hühnern bin, dann kann ich etwas, das sie nicht können. Ich bin auf jeden Fall etwas Besonderes – und die anderen werden damit gleichzeitig abgewertet.

Wir sind alle Adler!

Warum sollten wir die Welt unterteilen in Hühner und Adler? Warum sollten wir uns fragen: bin ich ein Adler, der unter Hühnern lebt oder ein Huhn, das glaubt ein Adler zu sein? Ich sage: wir sind alle Adler. Wir können alle fliegen.

Allerdings gibt es diejenigen, die fest überzeugt sind, nie fliegen zu könnn. Oder es sei sicherer, am Boden zu bleiben – man könne ja abstürzen. Oder auch diejenigen, denen sie die Flügel gestutzt haben. Gesellschaftliche Zwänge können zu so etwas führen. Wenn solche Adler zu lange am Boden bleiben, dann probieren sie oft auch nicht mehrzu fliegen – sie haben sich an das Bodendasein gewöhnt. Wieder andere gliedern sich von allein ein und halten ihre Flügel fest am Rücken, damit sie nicht fliegen. Wie schade.

Es liegt an uns: wir können alle fliegen. Ich beobachte, dass Menschen so viele Talente haben, die sie nie erkennen oder fördern. Menschen haben so viele Fähigkeiten, die sie nie entwickeln. Ich schaue lieber auf das Potenzial der Menschen und sehe, was dieser Mensch sein könnte. Wir alle haben genug Potenzial, um herausragende Persönlichkeiten zu sein, die erfüllt ihr Leben leben.

Wenn Sie Geschichten verwenden

Geschichten sind hervorragend, um eine Situation zu beschreiben und nicht sämtliche Details nennen zu müssen. Wie in dieser Geschichte sind viele Details erst bewusst wahrnehmbar, wenn wir uns die Situation so richtig vor Augen führen. Das Unterbewusstsein macht das automatisch – und nimmt dann die begleitenden Rückschlüsse und Voraussetzungen an. Das ist ein mächtiges Werkzeug.

Wenn Sie also Geschichten verwenden – und ich empfehle Ihnen das – so schauen Sie sich Ihre Metapher genau an: sind die Details, die Rahmenbedingungen das was Sie vermitteln möchten?

Ich erinnere mich an eine Unternehmensberaterin, die Kundengewinnung mit einem Fischer verglich, dem sie reiche Fischgründe zeigt. Solch ein Bild impliziert aber, dass die Fische gegessen werden – als Kunde kein so schönes Bild. Vor allem da sie selbst auf Kundensuche war – ich kam mir wie ein Fisch vor, den sie fangen wollte.

Also: untersuchen Sie Ihre Metaphern und fragen Sie auch gerne Ihre Zielgruppe – manche Implikationen sind uns selbst gar nicht so bewusst.

Fliegen Sie!

Wir alle können fliegen – wir alle tragen dieses Potenzial in uns. Also breiten Sie Ihre Schwingen aus!

Selbst wenn Sie erst Anlauf nehmen wie ein Albatross und langsam abheben.

Aber was immer Sie tun: Fliegen Sie!

 

(Die Geschichte des Adlers, der unter Hühnern aufwächst finden Sie vielfältig im Internet. Suchen Sie einfach nach: „adler hühner geschichte“)

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